Das Land Schleswig-Holstein hat ein 10-Punkte-Kita-Paket veröffentlicht. Grundsätzlich ist es gut, dass die Landesregierung den Handlungsbedarf erkannt hat und einen Fahrplan vorgelegt hat, um bestehende Missstände im Kitasystem SH anzugehen. In der praktischen Umsetzung gehen uns die Punkte aber nicht weit genug.Wir haben erhebliche Bedenken, denn viele Maßnahmen bringen Verschlechterungen in der Betreuungsqualität und bei den Arbeitsbedingungen in der Kindertagesbetreuung mit sich.

Qualität der Betreuung gefährdet

Alle Eltern kennen das noch aus dem letzten Winter, dass in Schleswig-Holstein immer wieder kurzfristig einzelne Gruppen oder auch ganze Einrichtungen schließen mussten, wenn sie den vorgeschriebenen Betreuungsschlüssel von 2,0 Fachkräften pro Elementargruppe nicht einhalten konnten. Um diesen Schließungen jetzt entgegen zu wirken, schlägt die Landesregierung einen flexiblen Anstellungsschlüssel vor, der sagt, dass der Schlüssel auf 1,5 herabgesetzt werden kann. Der Gruppenbezug der Fachkräfte fällt weg, künftig können die Kitas vor Ort ihr Personal selbst flexibler einsetzen. Es steht geschrieben, „Die Fachkräfte können eingesetzt werden, wann und wo sie am dringendsten gebraucht werden. Ein Betreuungsschlüssel von 1,5 darf nicht unterschritten werden.“ Das ist nichts anderes als eine Personaleinsparungsmaßnahme, weil der Betreuungsschlüssel von 2,0 auf 1,5 in der Fläche gesenkt wird.

Das Ganze bedeutet noch mehr Stress für Kinder und Fachkräfte. Die Betreuungssituation wird zukünftig mit dem neuen Anstellungsschlüssel noch belastender für die Erzieher:innen und SPAs sowie für die Kinder. Sie arbeiten jetzt schon immer am Limit, immer mit zu wenig Personal, immer kurz vor Schließung und einfach auf einem Stressniveau, das niemand in seinem Beruf haben will und schon gar nicht, wenn man mit so etwas Wertvollem arbeitet wie mit Kindern. Der neue Anstellungsschlüssel führt unweigerlich weiterhin zu einer Überlastung des pädagogischen Personals. Dies beeinträchtigt die individuelle Förderung und die emotionale Unterstützung der Kinder. Außerdem hat es Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder: Jedes Kind benötigt ausreichend Aufmerksamkeit und individuelle Begleitung, um sich optimal entwickeln zu können. Eine erhöhte Anzahl von Kindern pro Fachkraft reduziert die Möglichkeit, auf die individuellen Bedürfnisse jedes Kindes einzugehen.

Belastung des Personals

Pädagogische Fachkräfte sind bereits jetzt schon stark belastet. Eine Verschlechterung der Situation führt zu noch mehr Stress und erhöht das Risiko von Burnout und Personalfluktuation. Wir befürchten, dass die Fachkräfte auch mit dem neuen Anstellungsschlüssel weiterhin reihenweise die Kitas verlassen werden, und sich nach anderen Branchen zum Arbeiten umschauen oder auch wegen der hohen Belastung krank werden, und somit noch mehr Schließungen auf uns zu kommen. Die Betreuungssituation wird für die Eltern schlechter werden. Es wird irgendwann gar keine verlässliche Betreuung mehr geben. Schlimmstenfalls werden dann die Kinder nur noch aufbewahrt, statt gebildet. Und dabei haben wir bislang noch nicht einmal darüber gesprochen, dass es sowieso an vielen Kitaplätzen fehlt. Demgegenüber steht wieder der Koalitionsvertrag. Im Koalitionsvertrag steht unter dem Punkt Fachkräfte: „Wir wollen eine Erhöhung des Personalschlüssels in dieser Legislaturperiode“. Und das sehen wir mit dem 10-Punkte-Kita-Paket gar nicht.

Langfristige gesellschaftliche Kosten

Die Qualität der frühkindlichen Bildung hat direkte Auswirkungen auf die spätere Bildungs- und Berufslaufbahn. Einsparungen in diesem Bereich werden langfristig höhere Kosten für das Bildungssystem und die Gesellschaft verursachen.

Aktuelle Betreuungsausfälle

Schon jetzt gibt es massive Betreuungsausfälle wegen akutem Personalmangel. Eine Verschlechterung des Betreuungsschlüssels wird diese Probleme weiter verschärfen und die Betreuungsqualität nachhaltig beeinträchtigen. Eltern stehen als Arbeitskräfte nur unzuverlässig zur Verfügung.

Elternbeiträge

Wir Eltern begrüßen es, dass die Elternbeiträge nicht steigen sollen. Im 10-Punkte-Kita-Paket steht die Maßnahme „keine höheren Elternbeiträge“. Diese Maßnahme steht überhaupt nicht im Einklang mit dem Koalitionsvertrag 2022-2027 von CDU und Grünen. Es wurde ursprünglich versprochen, die Beiträge zu senken. Im Koalitionsvertrag steht unter dem Punkt Entlastung von Familien: „Jede und jeder muss sich Kinderbetreuung leisten können: Die Elternbeiträge werden weiter reduziert.“ Dieses Versprechen sollte weiterhin erfüllt werden, um Familien finanziell zu entlasten. In anderen Bundesländern hat das eine deutlich höhere Priorität. Außerdem dürfen Betreuungsqualität und Elternbeiträge nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Erschwerte Inklusion

Die Umsetzung von Inklusion wird noch schwieriger. Kinder mit besonderen Bedürfnissen benötigen mehr Aufmerksamkeit und individuelle Förderung, die unter den verschlechterten Bedingungen kaum gewährleistet werden kann.

Mangelnde Gleichstellung

Frauen sind überproportional von den Auswirkungen einer schlechten Kinderbetreuung betroffen, da sie oft die Hauptlast der Kindererziehung tragen. Eine Verschlechterung des Betreuungsschlüssels erschwert es vielen Frauen, ihrer beruflichen Tätigkeit nachzugehen oder in den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Eine hochwertige Kinderbetreuung ist daher nicht nur eine Frage der Bildung, sondern auch der Geschlechtergerechtigkeit.

Fazit

Es ist davon auszugehen, dass die aktuellen Maßnahmen des 10-Punkte-Kita-Pakets die Betreuungsqualität nicht verbessern werden. Sie adressieren nicht die Kernprobleme wie Personalmangel und die Notwendigkeit einer individuellen Förderung der Kinder. Wir kritisieren das Fehlen des politischen Willens, wirklich Geld in die Bildung der nächsten Generation zu stecken. Trotz der aktuellen Kitakrise mit den häufigen Notschließungen wegen Personalausfall (Krankheit, fehlende Besetzung) und immer weniger Fachkräften gibt es keine hohe Priorisierung dieses Themas in der Politik.

Die Maßnahmend des Pakets kommen ausschließlich Erwachsenen zugute, nicht den Kindern.Es findet eine Ignoranz der Bedürfnisse von Kindern statt, obwohl es bekannt ist, dass der Betreuungsschlüssel deutlich höher sein muss. Die frühkindliche Bildung ist von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung eines jeden Kindes. In den Kindergärten werden wichtige Grundlagen gelegt, die die Basis für lebenslanges Lernen bilden. Es ist daher unerlässlich, dass ausreichende finanzielle Mittel bereitgestellt werden, um sicherzustellen, dass jedes Kind die bestmögliche Bildung erhält. Aber es wird kaum etwas für die Steigerung der Betreuungsqualität getan. Obwohl bekannt ist, dass frühkindliche Bildung sogar die Folgekosten in der Gesellschaft spart.

Eine hochwertige Kinderbetreuung ist das Fundament einer gesunden und gerechten Gesellschaft. Wir appellieren an die Landesregierung, die Pläne zur Senkung des Schlüssels zu überdenken und stattdessen in die Verbesserung der Betreuungsqualität zu investieren. Wir fordern ein politisches Umdenken und nachhaltige Lösungen, die die Bedürfnisse der Kinder, Eltern und des pädagogischen Personals gleichermaßen berücksichtigen. Das Kita-System ist fast am Kollabieren, aber statt zu investieren, wird noch mehr gespart und das auch noch als Erfolg verkauft.

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